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Mittwoch 26 April 2017

Die Aufgabe von Vitamin B6 im Gehirn

Wir berichteten bereits, dass B-Vitamine zur Bekämpfung der Symptome von Schizophrenie beitragen können. Aber B-Vitamine unterstützen das Gehirn auch auf vielfältige andere Weise. Hier ein Überblick über die Rolle von Vitamin B6 und eine hilfreiche Symptomliste.

 

Wir berichteten bereits, dass B-Vitamine zur Bekämpfung der Symptome von Schizophrenie beitragen können. Aber B-Vitamine unterstützen das Gehirn auch auf vielfältige andere Weise. Obwohl manche B-Vitamine bislang noch besser untersucht sind als andere, wird immer deutlicher, dass bei vielen der im Gehirn ablaufenden Prozesse der gesamte Komplex von B-Vitaminen eine entscheidende Rolle spielt. In diesem Artikel haben wir B6 als Ausgangspunkt gewählt.

 

Warum können wir B-Vitamine nicht selbst bilden?

Die meisten B-Vitamine stammen aus Pflanzen. Eine Ausnahme stellt das Vitamin B12 dar, das von Bakterien gebildet wird, beispielsweise im Darm von Wiederkäuern. Dennoch stammen die eher geringen Mengen an B-Vitaminen, die die meisten Menschen zu sich nehmen, vor allem aus tierischen Produkten wie Fleisch und Milch. Die Tiere, aus denen diese B-Vitamine herrühren, haben sie wiederum selbst aus Organismen aufgenommen, die auf einer noch niedrigeren Stufe der Nahrungskette stehen. Aber warum können wir die B-Vitamine nicht selbst bilden?

 

Der Mensch hat die Fähigkeit verloren, bestimmte Vitamine selbst zu bilden. Das bekannteste Beispiel ist Vitamin C, bei dem es uns genauso ergeht wie etwa den Meerschweinchen und Fledermäusen. Aber auch die B-Vitamine müssen wir vollständig aus unserer Nahrung beziehen. Schwerer Mangel an B-Vitaminen kann eine Reihe von Krankheiten verursachen, von denen Beriberi (Mangel an B1) und Pellagra (Mangel B3) wohl die bekanntesten sind. Wie konnte es dann aber dazu kommen, dass wir die Fähigkeit, diese Vitamine selbst zu bilden, verloren haben? Könnten wir diese Vitamine selbst bilden, wären wir doch viel besser gegen einen Mangel gefeit.

 

Während unserer Evolution enthielt unsere Nahrung immer reichliche Mengen an Vitaminen. Dadurch haben wir schließlich die Gene eingebüßt, die benötigt werden, um zum Beispiel Vitamin B6 zu bilden. Dies brachte uns nämlich auch einen Vorteil: Unsere entfernten Vorfahren konnten sich auf diese Weise eine sogenannte De-novo-Synthese ersparen, die mehr Energie verbraucht und im Körper mehr oxidativen Stress verursacht als die Aufnahme fertiger Vitamine mit der Nahrung. Aber im Rahmen unserer heutigen Lebensbedingungen hat sich dieser einstige evolutionäre Vorteil in einen Nachteil verwandelt.

 

Wie sich unsere Nahrung verändert hat

Unsere Urnahrung bestand aus Vitamin-B-reichen Pflanzen, Früchten, Nüssen, Fisch, Schalen- und Krustentieren und, sofern verfügbar, auch Fleisch. Unsere heutige Nahrung besteht hauptsächlich aus verarbeitetem rotem Fleisch, Margarine, Milchprodukten, raffiniertem Getreide und Zucker. Diese einerseits zwar recht energiereiche und leicht verdauliche Nahrung enthält andererseits jedoch lange nicht mehr so große Mengen an essenziellen Nährstoffen. Hier liegt die Ursache für den in der westlichen Welt häufig festzustellenden Vitaminmangel und Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit, Herzerkrankungen und Demenz. Was können wir dagegen unternehmen?

 

Der wichtigste Ansatz liegt in der Ernährung. Nicht nur bei der urzeitlichen Ernährung, sondern auch bei der Mittelmeerdiät wird ein Zusammenhang mit einem erhöhten Vitamin- und Mineralstoffgehalt im Körper gesehen. Mediterrane Küche besteht hauptsächlich aus Obst, Gemüse, komplexen Kohlenhydraten, Olivenöl, Rotwein, Fisch und weißem Fleisch. Genau wie die urzeitliche Ernährung liefert auch sie mehr B-Vitamine als die durchschnittliche westliche Ernährung. Auch hierbei bildet B12 wieder eine Ausnahme, da dieses Vitamin in rotem Fleisch enthalten ist und daher meistens ohnehin in ausreichenden Mengen aufgenommen wird.

 

Nichtsdestotrotz können Situationen auftreten, in denen ein erhöhter Bedarf besteht, selbst dann, wenn man sich bereits urzeitlich oder mediterran ernährt. Risikogruppen für Vitamin-B6-Mangel sind ältere Menschen, Menschen, die viel Alkohol trinken, Raucher, Frauen in Schwangerschaft und Stillzeit und Menschen, die aufgrund von Drogenkonsum, Stress, chronischen Entzündungen oder sonstigen Erkrankungen mehr Vitamin B6 benötigen. Die Prävalenz von B6-Mangel bei dem Teil der Bevölkerung, der keine Supplemente einnimmt, wird auf rund 25 Prozent geschätzt. Es sollte also immer erwogen werden, ob eine Ergänzung erforderlich ist.

 

Wie B-Vitamine unser Gehirn unterstützen

B-Vitamine werden für die neurochemische Synthese benötigt und sind daher wichtig für die Gehirnfunktion. Alle B-Vitamine werden aktiv durch die Blut-Hirn-Schranke transportiert. B-Vitamine wirken in vielen physiologischen Prozessen des Körpers als Coenzyme. Coenzyme sorgen dafür, dass Enzyme ihre Arbeit effizienter verrichten. Zum Beispiel Vitamin B6: In der bioaktiven P5P-Form ist es an der Funktion von mehr als 140 verschiedenen Enzymen beteiligt, die zur Bildung und zum Abbau von Aminosäuren benötigt werden. Aber worin besteht nun die gehirnspezifische Rolle von Vitamin B6?

 

Vitamin B6 ist als Coenzym am Aminosäurestoffwechsel beteiligt und ist daher ein limitierender Faktor bei der Bildung von Neurotransmittern wie Dopamin, Serotonin, GABA, Noradrenalin und Melatonin. Dies bedeutet, dass bereits bei einem geringfügigen B6-Mangel weniger Neurotransmitter gebildet werden. Die Produktion von GABA und Serotonin lässt nach, sodass das Verhalten weniger gut geregelt werden kann und Schlafstörungen auftreten. Auch die Herz-Kreislauf-Funktion und die Hormonproduktion werden beeinträchtigt und die Glucosezufuhr zum Gehirn geht zurück. Aber wird diese biochemische Argumentation auch durch Forschungsergebnisse bestätigt?

 

In einer Auswertungsstudie aus dem Jahr 2008 wurden 77 Studien mit den Daten von insgesamt 34.000 Teilnehmern untersucht. Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Gehirnfunktion, psychischer Gesundheit und dem Gehalt an B6, B12 und Folsäure im Blut. Je höher der Blutspiegel, desto weniger Probleme mit Gehirn, Verhalten und psychischer Gesundheit traten auf. Auch der umgekehrte Zusammenhang konnte nachgewiesen werden.

 

Vitamin-B6-Mangel erkennen

Vitamin-B6-Mangel ist ein häufiges Problem. Daher ist es sinnvoll, die Symptome zu kennen. Die folgenden Symptome können auf einen (schweren) Vitamin B6-Mangel hindeuten: Je mehr dieser Symptome gleichzeitig vorliegen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass B6-Mangel als (eine der Ursachen) in Frage kommt.

 

- Müdigkeit und Erschöpfung

- Risse in Lippen und Mundwinkeln

- Entzündungen der Zunge und/oder Mundschleimhaut

- Blutarmut

- Glucoseintoleranz

- Übelkeit und Erbrechen

- seborrhoisches Ekzem

- Wassereinlagerungen

- Panikattacken

- Hyperventilation

- Migräne

- Schlafstörungen

- Reizbarkeit

- Verwirrtheit

- Depressionen

- Immunschwäche

- chronische Schmerzen

- kognitiver Abbau

- Krämpfe

- periphere Neuropathie

- Ataxie

- erhöhter Homocysteinspiegel

- erhöhte Entzündungsaktivität  (mit Anstieg des C-reaktiven Proteins)

- erhöhter oxidativer Stress

 

Vitamin-B6-Blutspiegel

Ein Gesamt-Vitamin-B6-Gehalt im Blut von über 40 nmol/l bedeutet, dass die Vitamin-B6-Versorgung ausreichend ist. Ein marginaler Vitamin-B6-Status (20-30 nmol/l) oder Vitamin-B6-Mangel (<20 nmol/l) bleiben häufig unbemerkt, können aber auf Dauer zur Entwicklung chronischer Krankheiten beitragen.

 

Literatur

  1. Kennedy D.O., B Vitamins and the Brain: Mechanisms, Dose and Efficacy – A review, Nutrients 2016, 8, 68, 28 January 2016.
  2. Morris M.S., Picciano M.F., Jacques P.F., Selhub J. Plasma pyridoxal 5′-phosphate in the us population: The national health and nutrition examination survey, 2003–2004. Am. J. Clin. Nutr. 2008;87:1446–1454.
  3. Smith A.D. The worldwide challenge of the dementias: A role for b vitamins and homocysteine? Food Nutr. Bull. 2008;29:S143–S172.