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Sonntag 7 Januar 2018

Psychobiotika: Der neueste Stand der Dinge

In der klinischen PNI wissen wir schon seit langem, dass unser Gehirn und Darm dauernd miteinander „reden“. Diese Kommunikation kann mit Psychobiotika vorteilhaft beeinflusst werden. Wissenschaftler der Oxford University (GB) erklären die Zusammenhänge und geben eine Übersicht über den aktuellen Stand der Forschung.

 

Darmbakterien beeinflussen unsere Stimmung, unseren Appetit und unseren Tag-Nacht-Rhythmus. Dabei zeigen probiotische Bakterien einen positiven Effekt, während sich ihre Abwesenheit eher ungünstig auswirkt. Weiterhin kann sich auch die Anwesenheit pathogener Bakterien nachteilig auswirken. Die Wissenschaft, die diese Interaktionen zu Gunsten unserer Gesundheit zu beeinflussen versucht, bezeichnet solche Mikroorganismen als Psychobiotika.

 

Stress, Immunsystem und Gedächtnis

In den vergangenen zehn Jahren wurde vor allem an Mäusen gezeigt, dass Darmbakterien den Grad der Stressbelastbarkeit, die Funktionen des Immunsystems und sogar die Gedächtnis- und Lernleistung entscheidend mitbestimmen. Dies kann vorteilhaft mit Probiotika beeinflusst werden, aber gilt dies auch beim Menschen?

 

Aus eigenen Berichten von Patienten geht hervor, dass Probiotika die Stimmung verbessern können. Jedoch liegen bereits auch physiologische Hinweise auf eine Wirkung vor, zum Beispiel reduzierte Cortisolspiegel (Stress) und eine verringerte Entzündungslast (fast alle modernen Krankheiten). Studien an Mäusen zeigen, dass Psychobiotika den Gehalt an brain-derived neurotrophic factor (BDNF) erhöhen. BDNF ist stark an den Lern- und Gedächtnisprozessen des Gehirns beteiligt. Wahrscheinlich trifft dies auch beim Menschen zu.

 

Darmbakterien sind wichtig für unsere Biologie

„Darmbakterien spielen eine Rolle bei äußerst wichtigen biologischen Prozessen. Diese möchten wir mit Psychobiotika positiv beeinflussen“, erklären die Wissenschaftler. „Damit uns das noch besser gelingt, versuchen wir, die dahinterliegenden Mechanismen mithilfe von Tiermodellen aufzuschlüsseln. Untersuchungen am Menschen mögen zwar spannender und spektakulärer sein, letztlich sind die Studienpopulationen jedoch meist sehr klein, sodass die Ergebnisse nur schwer reproduzierbar sind. Dennoch sind wir vorsichtig optimistisch.“

 

Aber wie funktioniert die Wechselwirkung zwischen Bakterien, Darm und Gehirn nun eigentlich? Hauptakteure sind das Nervensystem des Darms, das Immunsystem, der Vagusnerv und die im Darm befindlichen Hormone und Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin. Was können wir tun, um dieses System vorteilhaft zu beeinflussen?

 

Mehr als nur Probiotika

Probiotika haben in Studien am Menschen positive Wirkungen gezeigt. Dennoch sind Probiotika nicht die ganze Antwort. „Prebiotika – Nahrung für nützliche Darmbakterien – sind ein weiterer Faktor, über den wir Darmbakterien  beeinflussen können. Und im Grunde müssen wir die Definition von Psychobiotika noch weiter fassen, sodass auch Substanzen mit einer antidepressiven und antipsychotischen Wirkung darunter fallen. Aber auch Ernährung und Bewegung wirken sich auf die Darmbakterien aus.“

 

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist das volle Potenzial von Psychobiotika für die therapeutische Praxis noch lange nicht erschlossen. Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um die Wirkungsmechanismen, die für diese Effekte verantwortlich sind, noch besser zu verstehen. Eine Aufgabe, für die die klinische PNI wie geschaffen ist!

 

Literatur

  1. Timothy G. Dinan, Catherine Stanton, and John F. Cryan, Psychobiotics: A Novel Class of Psychotropic, Biological Psychiatry, Volume 74, Issue 10 (November 15, 2013)
  2. Amar Sarkar et al, Psychobiotics and the Manipulation of Bacteria–Gut–Brain Signals, Trends in Neurosciences (2016)