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Montag 11 September 2017

Big Data: Beziehung zwischen Migräne und RDS

Eine Untersuchung auf der Basis anonymer Patientendaten von 480.000 Menschen zeigt überraschende genetische Beziehungen zwischen einer Vielzahl unterschiedlicher Erkrankungen. Diese Beziehungen – beispielsweise zwischen RDS und Migräne – werden von bestehenden Krankheitsklassifikationssystemen nicht erfasst.

 

Was ist Big Data? Kurz gesagt ist dies die Anwendung statistischer Modelle auf sehr große Datensätze. Dieses Verfahren wird unter anderem von großen Unternehmen genutzt, um das Online-Konsumentenverhalten zu messen und gewünschtes Kaufverhalten zu fördern. Aber die Analysetechniken von Big Data können auch auf anonymisierte medizinische Daten von Krankenversicherern angewendet werden. Und daraus lassen sich nützliche Einsichten für die Gesundheitspraxis gewinnen.

 

Migräne und RDS

Forscher an der University of Chicago (USA) haben die medizinischen Daten von 480.000 Menschen analysiert [1]. Dabei stießen sie auf eine deutliche genetische Beziehung zwischen Migräne und RDS (Reizdarmsyndrom), was darauf hindeutet, dass Migräne eine entzündliche Komponente besitzt.

 

Auch scheinen viele der Gene, die an Typ-1-Diabetes beteiligt sind, mit den Genen, die an hohem Blutdruck beteiligt sind, konsistent zu sein. Schließlich wurden signifikante Beziehungen zwischen Asthma, allergischer Rhinitis, Osteoarthritis und Dermatitis gefunden – Störungen, die bisher kaum miteinander in Verbindung gebracht worden waren. Diese genetischen Anfälligkeiten werden stark von Umweltfaktoren beeinflusst – über das epigenetische Milieu.

 

Bestätigung früherer Erkenntnisse

Bereits im Jahr 2006 hatte eine großangelegte Studie an über 25.000 Menschen gezeigt, dass Migränepatienten ein um 40 bis 80 Prozent erhöhtes Risiko tragen, zusätzlich an RDS zu erkranken und umgekehrt [2]. Auch das Risiko für Fibromyalgie und Depressionen erwies sich dabei als deutlich erhöht. Zuvor gab es zu diesen Zusammenhängen nur anekdotische Anhaltspunkte. Die Big-Data-Studie wurde an einer Kohorte durchgeführt, die fast um den Faktor zwanzig größer ist als diejenige der Studie aus dem Jahre 2006. Die Aussagekraft des Nachweises hat sich daher stark erhöht und bestätigt unsere schon seit langem bestehenden Erfahrungen in der natürlichen Gesundheitspraxis.

 

Herkömmliche Krankheitsklassifizierung übersieht Zusammenhang

Neben interessanten Zusammenhängen lassen die Ergebnisse der Studie auch ein grundlegendes Problem sichtbar werden: Herkömmliche Krankheitsklassifikationen auf der Basis von Symptomen und Anatomie übersehen die wichtigen Zusammenhänge zwischen Krankheiten mit denselben zugrundeliegenden (genetischen) Risikofaktoren. Daher werden diese Zusammenhänge in ICD-9 oder phänotypischen Klassifikationen nicht berücksichtigt.

 

In ICD-9 wird Migräne als neurologische Störung klassifiziert, während RDS als eine entzündliche Erkrankung des Darms gilt. Diese Abgrenzung wirkt sich nachteilig auf die Behandlung dieser Erkrankungen aus, die immer gemeinsam erfolgen sollte. Bei der Behandlung von Migräne müssen auch der Darm und das, was über die Nahrung hineingelangt, mitbehandelt werden. Um dies auch nach herkömmlicher Methodik möglich zu machen, schlagen die Forscher ein neues Klassifizierungssystem vor.

 

„Die große Zahl der in der Studie erfassten Familien hat es uns ermöglicht, genaue Bestimmungen der genetischen und umweltbezogenen Zusammenhänge vorzunehmen, aus denen wir die übereinstimmenden Ursachen vieler unterschiedlicher Krankheiten ableiten konnten. Mit diesen Daten haben wir ein neues Klassifikationssystem für Krankheiten auf der Grundlage ihrer intrinsischen Biologie geschaffen“, erklären die Forscher.

 

Weitere Informationen hierzu finden Sie im unter Literatur angegebenen Artikel aus Nature Genetics (englischsprachig).

 

Literatur

  1. Kanix Wang, Hallie Gaitsch, Hoifung Poon, Nancy J Cox & Andrey Rzhetsky, Classification of common human diseases derived from shared genetic and environmental determinants, Nature Genetics (2017)
  2. J Alexander Cole, Kenneth J Rothman, Howard J Cabral, Yuqing Zhang and Francis A Farraye, Migraine, fibromyalgia, and depression among people with IBS: a prevalence study, BMC Gastroenterology 2006 6:26