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Dienstag 17 April 2018

Die Schilddrüse in der orthomolekularen Praxis


Die Schilddrüse ist die Steuerungszentrale des Stoffwechsels. In den kommenden Wochen erfahren Sie mehr über die Physiologie und Pathologie der Schilddrüse sowie über die in der orthomolekularen Praxis verfügbaren Bluttests und orthomolekularen Interventionen.

 

Die Schilddrüse ist die Steuerungszentrale des Stoffwechsels. Dieses wichtige Organ kann durch einen Mangel an essenziellen Nährstoffen wie Jod, Zink und Selen aus dem Takt geraten. Auch ein Zuviel oder Zuwenig an Nahrung kann den Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht bringen.

 

Die Schilddrüse ist eine schmetterlingsförmige Drüse, die sich im Hals, direkt unter dem Adamsapfel befindet. Sie ist nicht viel größer als ein kleiner Apfel. Die Schilddrüse bildet zwei Hormone: Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3). T4 enthält 4 Jodatome, T3 enthält 3. Zur Bildung dieser Hormone benötigt der Körper Jod, einen essenziellen Nährstoff.

 

T3 regt die Zellen im Körper dazu an, zu wachsen, sich zu entwickeln und regelt die Verbrennung, damit Herz, Lunge, Organe und Muskeln die richtige Temperatur halten. Dies geschieht durch Aktivierung des braunen Fettgewebes [1]. T4 dient als inaktives Reservoir, das mit Hilfe des Enzyms Deiodinase in T3, das aktive Schilddrüsenhormon, umgewandelt werden kann. Der überwiegende Teil von T3 und T4 ist an Proteine gebunden. Die nicht-gebundenen T3- und T4-Hormone zirkulieren frei im Blut und nur diese werden bei der Bestimmung des Schilddrüsenhormonspiegels gemessen [2].

 

Hormone und HPT-Achse

Die Hypophyse (eine kleine Drüse, die sich am unteren Ende des Gehirns befindet und daher auch als Hirnanhangsdrüse bezeichnet wird) gibt Thyroid Stimulating Hormone (TSH) in den Blutkreislauf ab. Dieses TSH bewirkt, dass die Schilddrüse T3 und T4 bildet. Hypothalamus Thyrotropin Releasing Hormone (TRH) wiederum stimuliert die Sekretion von TSH in der Hypophyse, während Somatostatin und Corticosteroide die Sekretion hemmen. Bei zunehmender Menge von T4 erfolgt eine entsprechende Rückmeldung an die Hypophyse, die daraufhin ihre Produktion an TSH zurückfährt. Gemeinsam bilden diese Hormone und Drüsen die HPT-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Schilddrüsenachse), eines der wichtigsten neuroendokrinen Systeme im Körper [2].

Die Schilddrüse kann – infolge einer Erkrankung – zu viel oder zu wenig Schilddrüsenhormon in Umlauf bringen. Dies wird als Hyperthyreose bzw. Hypothyreose bezeichnet.

Probleme können auf jeder Ebene der HPT-Achse auftreten: bei der Bildung des Schilddrüsenhormons, bei dessen Freisetzung, beim Transport oder bei der Wirkung auf das Zielgewebe (Rezeptoren) [3].

 

Struma

Früher erkrankten in Gebieten, die weit vom Meer entfernt lagen und in denen die Böden arm an Jod waren, viele Menschen an einer Struma (Kropf). Bei einer Strumaerkrankung – einer Form der Hypothyreose – vergrößert sich die Schilddrüse, sodass eine Schwellung am Hals sichtbar wird. Die Ursache ist zumeist Jodmangel. Dadurch können nicht genügend T4 und T3 gebildet werden. Infolgedessen versucht die Hypophyse, durch eine immer höhere Abgabe von TSH die Schilddrüse zur Bildung von mehr T4 und T3 zu zwingen, worauf diese mit einer zunehmenden Schwellung (Hyperplasie) reagiert. Durch Jodmangel verursachte Strumae sind heutzutage nicht mehr sehr verbreitet, da unserer Nahrung häufig Jod in Form von jodiertem Speisesalz zugesetzt wird. Dies bedeutet jedoch, dass, wenn man auf Nahrungsmittel mit Jodzusatz verzichtet, Jod in anderer Form supplementiert werden muss. Das gilt übrigens auch bei salzreduzierter Ernährung, bei der zu wenig Jod über jodiertes Speisesalz aufgenommen wird.

 

Struma kann auch bei Morbus Basedow oder einem Adenom auftreten, wobei letzteres sehr selten ist. Bei einer Hypothyreose können unter anderem die folgenden Symptome auftreten: Müdigkeit, Trägheit, Depression, Lustlosigkeit, Kälteempfindlichkeit, Verstopfung, Gewichtszunahme, Konzentrationsprobleme, Gedächtnisverlust, Haarausfall, trockene Haut, Ödeme, Schwangerschaftskomplikationen und angeborene Defekte bei Säuglingen, wie zum Beispiel schlecht entwickelte Gehirne (Kretinismus) [3].

 

Hashimoto

Die Hashimoto-Krankheit ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Schilddrüse angreift, die sich entzündet, wodurch Gewebsverluste auftreten. Auch bei Hashimoto tritt eine Schwellung am Hals auf. Die Hashimoto-Krankheit führt oft zu einer Hypothyreose, aber nicht unbedingt, da die Schilddrüse bei Hashimoto auch überaktiv werden oder fast normal weiterfunktionieren kann. Hashimoto ist durch das Vorhandensein der Antikörper Anti-TPO und Anti-TG im Blut gekennzeichnet. Die Krankheit hat eine erbliche Komponente und tritt häufig gleichzeitig mit anderen Autoimmunerkrankungen wie Zöliakie und Typ-1-Diabetes auf. Bei zu hoher Jodaufnahme kann sich die Hashimoto-Krankheit verschlimmern [3].

 

Basedow

Häufigste Ursache der Schilddrüsenüberfunktion ist die Basedow-Krankheit (die auch als Graves-Krankheit bezeichnet wird). Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem einen Antikörper (Anti-TSH-r) bildet, der stark dem TSH ähnelt. Dieser Antikörper bindet sich an die Schilddrüse, die dadurch überaktiv wird. Durch die erhöhte Bildung von T4 und T3 beschleunigt sich der Grundstoffwechsel, sodass der Mensch mehr Energie verbraucht, mehr Appetit entwickelt und ihm ständig warm ist. Weitere Kennzeichen sind beschleunigter Herzschlag oder starkes Herzklopfen, zitternde Hände und warme, feuchte Handflächen. Auch Schlaflosigkeit und Unruhe können zu den Symptomen zählen. Klassisches Kennzeichen einer unbehandelten Basedow-Krankheit ist der erhöhte Augendruck, der die Augen ein wenig aus der Augenhöhle hervortreten lässt. Die Krankheit tritt bei Menschen mit erblicher Veranlagung in Kombination mit Umgebungsfaktoren wie einer durchlaufenen Infektionskrankheit, Stress, Rauchen oder einer anderen Autoimmunerkrankung wie Typ-1-Diabetes oder rheumatoider Arthritis auf [4,5].

 

Prävalenz

In den Niederlanden wird jährlich bei 0,17 Prozent der Hausarztpatienten die Diagnose Hypothyreose gestellt und 0,05 Prozent der Patienten suchen den Arzt aufgrund von Symptomen von Hyperthyreose auf. Bei Frauen werden diese Diagnosen etwa fünfmal häufiger gestellt als bei Männern. Die Prävalenz von Schilddrüsenerkrankungen nimmt mit zunehmendem Alter zu. Die höchsten Prozentsätze finden sich daher bei Frauen über 75 Jahren: 1,38 Prozent von ihnen leiden unter einer Hypothyreose, während es bei Frauen zwischen 25 und 44 Jahren nur 0,25 Prozent sind [6].

 

Vergleicht man die Zahlen von 2000 bis 2002 mit den Zahlen von 2012, scheint es, dass Schilddrüsenerkrankungen zunehmen. Dieser Zuwachs könnte auf einer Verzerrung der Zahlen durch die Bevölkerungsalterung beruhen oder aber auf verbesserten Methoden zur Diagnose subklinischer Formen von Hypothyreose. Es könnte jedoch auch sein, dass Hausärzte immer häufiger ein offenes Ohr für den Wunsch mündiger und gut informierter Patienten haben, die Schilddrüsenfunktion zu messen [7]. Andererseits liegen jedoch auch immer mehr Forschungsergebnisse sowohl bei Tieren als auch beim Menschen vor, die darauf hindeuten, dass schädliche Substanzen aus unserer Umwelt eine zunehmend störende Wirkung auf die hormonellen Abläufe in unserem Körper ausüben könnten [8]. Einige dieser Substanzen weisen eine ähnliche Struktur wie T3 und T4 auf und können daher die HPT-Achse stören. Dabei geht es um PCB, Triclosan, BPA (Bisphenol A), Phthalate und PBDE. Diese Substanzen sind sehr hartnäckig und bleiben viele Jahre lang in den Umweltkreisläufen präsent. Daher wird ihre Verwendung zunehmend eingeschränkt [7]. Weiterhin können auch Substanzen wie (Per-) Chlorat, Nitrat und Thiocyanat die Jodaufnahme stören. Aufgrund der Vielzahl der insgesamt beteiligten Faktoren ist jedoch nur schwer nachzuweisen, dass diese Substanzen tatsächlich Auswirkungen auf die Gesundheit großer Personengruppen haben [7].

 

Vor kurzem wurde eine iranische Studie veröffentlicht, die einen Zusammenhang zwischen Fluorid im Trinkwasser und Hypothyreose erkennen lässt (verringerte TSH- und T3-Spiegel). Die Forscher empfehlen Menschen mit Hypothyreose daher, das Wasser zusätzlich aufzubereiten [8]. In den Niederlanden wird das Wasser nicht fluoridiert, aber die meisten Zahncremes enthalten Fluorid, das wir auf diesem Weg in den Körper aufnehmen könnten. Dies könnte für Menschen, die von Hypothyreose betroffen sind, durchaus von Belang sein.

 

In zwei Wochen erfahren Sie im zweiten Teil dieser Serie mehr über die Schilddrüse in der orthomolekularen Praxis: „Messen heißt nicht immer Wissen”.

 

Literatur

1. Mullur R, Liu YY, Brent GA, Thyroid Hormone Regulation of Metabolism, Physiol Rev. 2014 Apr; 94(2): 355–382.

2.  Gore AC, Chappell VA, Fenton SE, et al, Endocr Rev. 2015 Dec; 36(6): E1–E150. EDC-2: The Endocrine Society's Second Scientific Statement on Endocrine-Disrupting Chemicals

3.  Lorini R1, Gastaldi R, Traggiai C, Perucchin PP, Pediatr Endocrinol Rev. 2003 Dec;1 Suppl 2:205-11; discussion 211. Hashimoto's Thyroiditis.

4.  Brent, GA., Clinical practice. Graves' disease, The New England Journal of Medicine (June 2008) 358 (24): 2594–2605.

5. NHG-Standaard Schildklieraandoeningen

6. Donker GA, Continue Morbiditeits Registratie (CMR) Peilstations Nederland 2012, Nivel 2012

7. ME Gilbert et al: Developmental thyroid hormone disruption: prevalence, environmental contaminants and neurodevelopmental consequences. Neurotoxicology. 2012;33:842–852 (1322)

8. Kheradpisheh Z1, Mirzaei M2, Mahvi AH3,4, Impact of Drinking Water Fluoride on Human Thyroid Hormones: A Case- Control Study, Sci Rep. 2018 Feb 8;8(1):2674.